Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der sachlichen Einordnung ausgewählter wissenschaftlicher Untersuchungen. Er enthält keine Empfehlung zum Konsum und keine Garantie für Ertrag, Wirkstoffgehalt, Schimmelfreiheit oder Weitergabefähigkeit. Maßgeblich bleiben die gesetzlichen Vorgaben, behördlichen Auflagen und die chargenbezogene Qualitätskontrolle.
Luftfeuchtigkeit und Temperatur gehören zu den meistdiskutierten Stellschrauben im Cannabisanbau. Die Studienlage dazu ist allerdings noch dünn: Wir haben nur wenige Versuche gefunden, die das Klima gezielt verändert und die Folgen gemessen haben. Die Ergebnisse sind in einzelnen Punkten auffällig, aber nur eingeschränkt übertragbar:
- Hohe Luftfeuchte kann unter den Bedingungen eines Versuchs den Ertrag deutlich mindern. Bei 78 bis 98 Prozent Luftfeuchte ernteten Forschende in diesem Versuch mit einer CBD-Sorte weniger als ein Drittel der Blütenmasse trockener gehaltener Pflanzen; außerdem waren die gemessenen Cannabinoidgehalte niedriger.[1]
- Im Blütenstand ist es feuchter als im Raum. In einem kanadischen Gewächshaus lag die Luftfeuchte in den Blüten im Mittel bei 75 Prozent – deutlich über der umgebenden Luft mit rund 55 Prozent.[2]
- Höhere Feuchte und Temperatur im Blütenstand waren in der kanadischen Untersuchung mit höheren Hefen- und Schimmelbelastungen verbunden; Luftumwälzung durch Ventilatoren war dort mit einer geringeren Belastung verbunden.[2]
- Niedrigere Temperaturen förderten in einem Versuch bei einer purpurfärbenden CBD-Population die Färbung, ohne dass daraus ein höherer CBD-Gehalt folgte. Die Purpurfärbung war bei 8 und 15 °C am stärksten; mit dem Wirkstoffgehalt hatte sie nichts zu tun.[3]
Luftfeuchtigkeit: weniger Blüte, später reif
An der Colorado State University-Pueblo wuchs eine CBD-Sorte bei niedriger (37 bis 58 Prozent) oder hoher Luftfeuchte (78 bis 98 Prozent). Bei hoher Feuchte sank das Dampfdruckdefizit in der Blütephase auf 0,25 Kilopascal. Dieser Wert – oft mit VPD abgekürzt – beschreibt, wie stark die Luft der Pflanze Wasser „abzieht“; niedrige Werte bedeuten feuchte Luft, in der die Pflanze kaum verdunsten kann.[1]
Die Folgen bei hoher Feuchte:[1]
- Die Blüte setzte erst in Woche 13 ein; geerntet wurde eine Woche später als bei niedriger Feuchte.
- Es gab bis zu 26 Prozent weniger Äste mit Blütenständen.
- Die Blütentrockenmasse lag bei rund 10 statt 34 Gramm pro Pflanze.
- Die Cannabinoidgehalte waren signifikant niedriger.
- Gewebeschäden durch austretende Wassertropfen an den Blättern breiteten sich stärker aus.
Der Versuch umfasste zehn Pflanzen je Gruppe und eine einzige Sorte. Schimmel wurde nicht gemessen.
Das Mikroklima in der Blüte
Was im Raum gemessen wird, muss nicht dem Mikroklima im Blütenstand entsprechen. In einem kanadischen Gewächshausbetrieb haben Forschende der Simon Fraser University Feuchte und Temperatur direkt im Blütenstand gemessen. Die Luftfeuchte lag dort im Mittel bei 75 Prozent (± 6) – am höchsten am Morgen, am niedrigsten am Nachmittag – und deutlich über der umgebenden Luft mit rund 55 Prozent.[2]
Dieselbe Studie mit über 2.000 Proben fand: Höhere Temperatur und Feuchte im Blütenstand waren mit höheren Hefen- und Schimmelbelastungen verbunden. In dem untersuchten Gewächshaus war die Belastung bei Luftumwälzung durch Ventilatoren während der Blütenreife geringer.[2] Grauschimmel (Botrytis cinerea), ein Erreger der Blütenfäule, wuchs in einer weiteren Studie unter den dort untersuchten Bedingungen am besten zwischen 15 und 25 °C; daraus lässt sich kein allgemeiner Schimmelgrenzwert für Anbauräume ableiten.[4]
Temperatur und die lila Farbe
An der University of Wisconsin wurde eine CBD-Population mit purpurfarbenen Blättern und Blüten bei Temperaturen zwischen 0,5 und 22 °C gezogen. Die Purpurfärbung – ausgelöst durch Farbstoffe namens Anthocyane – war bei konstant 8 und 15 °C am stärksten, bei 0,5 und 22 °C schwächer.[3]
CBD-Gehalt und Blütenmasse stiegen in diesem Versuch dagegen mit der Temperatur. Die Autoren führen das aber vor allem auf die weiter fortgeschrittene Reife der wärmer gehaltenen Pflanzen zurück, nicht auf die Temperatur selbst. Ihr Fazit: Farbe und CBD-Gehalt wurden in diesem Versuch unterschiedlich beeinflusst.[3] Die Annahme, dass lila Blüten einen höheren CBD-Gehalt aufweisen oder stärker wirken, stützt der Versuch nicht.
CO₂: Blätter reagieren, Ertrag offen
An der University of Mississippi wurde bei vier THC-reichen Sorten die Photosynthese einzelner Blätter bei unterschiedlichem CO₂-Gehalt der Luft gemessen. Bei 700 statt 390 ppm stieg sie um 38 bis 48 Prozent, bei 545 ppm waren die Unterschiede meist nicht signifikant. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass solche Kurzzeitmessungen den Effekt überschätzen können; Ertrag und Cannabinoide wurden nicht gemessen.[6]
CO₂ ist im Anbauraum auch ein Arbeitsschutzthema. In zwei US-Anbaubetrieben mit CO₂-Zugabe wurden in Blüteräumen 1.250 bis 2.290 ppm gemessen, am höchsten in der Dunkelphase.[7][8] Der in der TRGS 900 aufgeführte Arbeitsplatzgrenzwert für Kohlendioxid beträgt 5.000 ml/m³ beziehungsweise 5.000 ppm; er ist als Schichtmittelwert für die regelmäßige achtstündige Arbeitsschicht zu verstehen, während mögliche Expositionsspitzen gesondert nach dem Kurzzeitwertkonzept zu beurteilen sind.[9]
Was die Studien nicht zeigen
Zu Luftfeuchte und Temperatur als gezielt veränderte Faktoren haben wir je nur einen Versuch gefunden, jeweils mit einer CBD-Sorte. In der hier ausgewerteten Literaturrecherche fanden wir zu CO₂ nur Messungen an einzelnen Blättern; ob eine erhöhte CO₂-Konzentration den Ertrag oder den Cannabinoidgehalt verändert, wurde in den dabei berücksichtigten begutachteten Studien nicht untersucht. Optimale Sollwerte für Temperatur, Luftfeuchte oder VPD lassen sich aus dieser Studienlage nicht ableiten. Die Mikroklima-Daten stammen aus einem einzigen kanadischen Gewächshaus.
Was das für den Verein bedeutet
Das Klima im Anbauraum kann Ertrag, gemessene Cannabinoidgehalte und die mikrobielle Belastung beeinflussen; für die Weitergabefähigkeit gelten daneben die gesetzlichen Voraussetzungen des § 18 KCanG. Nicht weitergabefähiges Cannabis ist unverzüglich zu vernichten (§ 18 Abs. 3 KCanG).[5] Aus den Studien folgt praktisch:
- Temperatur und Luftfeuchte regelmäßig aufzeichnen – idealerweise auch nah am Bestand, nicht nur an der Wand. Die Blüte kann deutlich feuchter sein als die Raumluft.
- Bei Schimmelbefall die Klimadaten der Wochen davor prüfen. Erst dann lässt sich eine Ursache eingrenzen.
- Luftbewegung im Bestand beachten. Ventilatoren senkten in der kanadischen Studie die Belastung der Blüten.
- CO₂-Zugabe als Arbeitsschutzthema behandeln. Soweit Beschäftigte tätig werden, sollte die Anbauvereinigung die inhalative CO₂-Exposition nach TRGS 402 ermitteln und beurteilen, gegebenenfalls durch geeignete Messungen, und die Gefährdungsbeurteilung sowie Schutzmaßnahmen daran ausrichten. Einen Ertragsvorteil belegen die Studien nicht.
Häufige Fragen
Welche Luftfeuchtigkeit ist in der Blüte zu hoch?
Im Versuch der Colorado State University war eine relative Luftfeuchte von 78 bis 98 Prozent mit deutlich schlechteren Wachstums- und Ernteergebnissen verbunden. Einen exakten Grenzwert liefern die Studien nicht.[1]
Was ist VPD?
Das Dampfdruckdefizit (englisch „vapour pressure deficit“) ist eine Druckdifferenz in Kilopascal: Es beschreibt, wie stark die Luft Wasserdampf aufnehmen „will“, und hängt von Temperatur und Luftfeuchte ab. Niedrige Werte bedeuten feuchte Luft, in der Pflanzen kaum verdunsten. Im Versuch mit hoher Luftfeuchte lag es in der Blütephase bei 0,25 Kilopascal.[1]
Macht Kälte Cannabis lila?
Bei einer Sorte mit Neigung zur Purpurfärbung war die Farbe bei 8 und 15 °C am stärksten. Die Färbung hing aber nicht mit dem CBD-Gehalt zusammen; der CBD-Gehalt stieg mit der Temperatur – laut den Autoren vor allem, weil die wärmer gehaltenen Pflanzen weiter gereift waren.[3]
Hilft ein Ventilator gegen Schimmel?
In einem kanadischen Gewächshaus war die Belastung mit Hefen und Schimmel während der Blütenreife bei Luftumwälzung geringer.[2]
Quellen
- [1] · FachartikelElevated relative humidity significantly decreases cannabinoid concentrations while delaying flowering development in Cannabis sativa L.DOI 10.3389/fpls.2025.1678142Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [2] · FachartikelTotal yeast and mold levels in high THC-containing cannabis (Cannabis sativa L.) inflorescences are influenced by genotype, environment, and pre-and post-harvest handling practicesDOI 10.3389/fmicb.2023.1192035Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [3] · FachartikelAnthocyanin accumulation, inflorescence dry weight and total cannabidiol content have different temperature optima in Cannabis sativaDOI 10.1186/s42238-025-00311-wOriginal beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [4] · FachartikelThe bud rot pathogens infecting cannabis (Cannabis sativa L., marijuana) inflorescences: symptomology, species identification, pathogenicity and biological controlDOI 10.1080/07060661.2021.1936650Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [5] · GesetzKonsumcannabisgesetz (KCanG), § 18Abruf 31.10.2026.Gesetzestext ↗ ↑ zum Text
- [6] · FachartikelPhotosynthetic response of Cannabis sativa L., an important medicinal plant, to elevated levels of CO2DOI 10.1007/s12298-011-0066-6Fundstelle: Ergebnisse; DiskussionOriginal beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [7] · BehördenberichtHealth Hazard Evaluation Report 2019-0107-3412 (Indoor-Cannabisanbau)Bericht Nr. 2019-0107-3412Fundstelle: Messergebnisse KohlendioxidBericht ↗ ↑ zum Text
- [8] · FachartikelMulti-parameter characterization of indoor air quality in a medical marijuana cultivation facility in Oklahoma: a pilot study of occupational exposure determinantsDOI 10.1093/annweh/wxag074Fundstelle: ErgebnisseOriginal beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [9] · Technische RegelTRGS 900 ArbeitsplatzgrenzwerteEintrag Kohlendioxid; Abschnitte 1 und 2Regelwerk ↗ ↑ zum Text
Die Studienergebnisse werden hier ausschließlich beschreibend wiedergegeben. Werbung und jede Form des Sponsorings für Cannabis und Anbauvereinigungen sind verboten (§ 6 KCanG).
Quellen- und Redaktionsstand: 04.11.2026. Die genannten Studien beschreiben die Bedingungen ihrer Versuche; Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf jede Anlage übertragen. Diese Seite ersetzt keine Beratung und keine Prüfung des eigenen Betriebs.
