Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der sachlichen Einordnung ausgewählter wissenschaftlicher Untersuchungen. Er enthält keine Empfehlung zum Konsum und keine Garantie für Ertrag, Wirkstoffgehalt, Schimmelfreiheit oder Weitergabefähigkeit. Maßgeblich bleiben die gesetzlichen Vorgaben, behördlichen Auflagen und die chargenbezogene Qualitätskontrolle.
Kaum ein Thema wird im Cannabisanbau so leidenschaftlich diskutiert wie der richtige Schnitt: Spitze kappen („Toppen“), untere Triebe entfernen („Lollipopping“), Blätter auszupfen („Entlauben“). Inzwischen gibt es dazu erste Versuche – unter anderem von der Universität Hohenheim. Die wichtigsten Ergebnisse:
- In einzelnen Versuchen enthielten Blüten im unteren Pflanzenbereich 23 bis 90 Prozent weniger Cannabinoide als die Spitzen; die Unterschiede standen unter den jeweiligen Versuchsbedingungen unter anderem mit geringerem Lichteinfall in Zusammenhang.[1][2][4]
- Entlauben und das Entfernen unterer Triebe können die gemessenen Cannabinoidgehalte im unteren Pflanzenbereich angleichen. In israelischen Versuchen stiegen dort die Gehalte, und die Cannabinoidprofile wurden einheitlicher.[1][2]
- Toppen ist kein Garant für mehr Ertrag. In Hohenheim brachte es mehr Blütenmasse, aber keinen signifikant höheren CBD-Ertrag als ungeschnittene Pflanzen; in Tasmanien brachte ein Doppeltrieb-Schnitt gar nichts.[3][5]
- Dichtere Bestände steigerten in den genannten Versuchen den Ertrag pro Quadratmeter und den Anteil der Blüten mit höherem gemessenem Cannabinoidgehalt; eine Übertragung auf andere Sorten und Anbausysteme ist damit nicht belegt.[2][4]
Warum die unteren Blüten schwächer sind
Ein Team des Volcani Centers in Israel hat in zwei Versuchen gemessen, wie stark sich die Blüten einer Pflanze unterscheiden. Bei großen, rund 2,5 Meter hohen Pflanzen hingen niedrige Cannabinoidgehalte im unteren Bereich mit wenig Licht zusammen.[1] In einem zweiten Versuch lagen die Cannabinoide in den unteren Seitenblüten um bis zu 90 Prozent unter denen der Hauptblüte an der Spitze.[2]
An der Universität Hohenheim war der Unterschied kleiner, aber deutlich: oben 9,9 Prozent CBD, in der Mitte 8,2, unten 7,4 Prozent.[3] In einem weiteren Hohenheimer Versuch hatten die Blüten aus den unteren Lagen 23 bis 46 Prozent weniger CBD als die oberen.[4]
Lollipopping und Entlauben
Beim „Lollipopping“ werden die unteren Triebe entfernt, sodass die Pflanze wie ein Lutscher aussieht: kahler Stiel, volle Krone. Beim Entlauben werden Blätter ausgezupft, damit mehr Licht ins Innere fällt.
Die israelische Arbeitsgruppe testete sieben solcher Eingriffe – plus eine unbehandelte Vergleichsgruppe – an großen Pflanzen. Ergebnis: Entlauben oder das Entfernen unterer Äste und Blätter erhöhte die Cannabinoidgehalte im unteren Bereich und machte die Pflanze chemisch gleichmäßiger.[1] Im zweiten Versuch mit höherer Pflanzendichte zeigte sich dasselbe: Eingriffe, die mehr Licht nach unten lassen oder die Blütenbildung unten verhindern, verbesserten die Einheitlichkeit.[2]
In Hohenheim wurde Lollipopping zusammen mit dem Toppen getestet. Die Lollipop-Pflanzen lagen beim CBD-Ertrag im Trend am niedrigsten, unterschieden sich aber nicht signifikant von den ungeschnittenen Pflanzen.[3] Unter den Bedingungen des Hohenheimer Versuchs lag ein möglicher Vorteil daher eher in einheitlicheren gemessenen Cannabinoidgehalten als in einer nachgewiesenen Mehrmenge.
Toppen: mehr Masse, nicht unbedingt mehr Wirkstoff
Beim Toppen wird die Haupttriebspitze gekappt, damit die Pflanze mehrere gleich starke Triebe bildet.
- In Hohenheim (Spitze am zehnten Knoten gekappt) bildeten getoppte Pflanzen signifikant mehr Blüten- und Blattmasse. Beim CBD-Ertrag gab es einen Trend zugunsten des Toppens, aber keinen signifikanten Unterschied zur ungeschnittenen Kontrolle.[3]
- In Tasmanien brachte ein Schnitt auf zwei Haupttriebe weder mehr Masse noch mehr Cannabinoide.[5]
- An zwei Industriehanfsorten führte Kappen am vierten oder fünften Knoten zu kleineren, buschigeren Pflanzen mit mehr Biomasse; CBD beziehungsweise CBG stiegen je nach Sorte.[6]
Die Ergebnisse sind also uneinheitlich. Ob Toppen sich lohnt, hängt nach dieser Studienlage von Sorte, Pflanzengröße und Anbausystem ab.
Pflanzendichte: mehr Pflanzen, mehr Ertrag pro Fläche
Statt jede Pflanze aufwendig zu formen, kann man auch dichter pflanzen. Zwei Versuche haben das gemessen:
- Im Volcani Center senkte die doppelte Dichte (2 statt 1 Pflanze je Quadratmeter) den Ertrag je Pflanze, steigerte ihn aber je Fläche um 28 bis 44 Prozent.[2]
- In Hohenheim stieg der Blütenertrag mit der Dichte (12 bis 36 Pflanzen je Quadratmeter) von 119 auf 247 Gramm je Quadratmeter. Gleichzeitig wuchs der Anteil der gehaltvollen oberen Blüten von 46 auf 68 Prozent. Eine längere Wachstumsphase vor der Blüte (1 bis 4 Wochen) erhöhte den Ertrag von 295 auf 571 Gramm je Quadratmeter – vor allem über mehr Blüten; die Hauptblüte an der Spitze wurde dabei aber auch schwerer.[4]
Für die untersuchte Anlage folgern die Hohenheimer Autoren, dass dichte Bestände zu einer einheitlicheren Produktion beitragen können: Viele kleinere Pflanzen hatten dort anteilig mehr obere Blüten mit höherem gemessenem Cannabinoidgehalt.[4]
Zu Techniken wie SCROG (Netz über dem Bestand) oder LST (Herunterbinden von Trieben) haben wir keine Studien gefunden.
Was die Studien nicht zeigen
Die Versuche stammen aus Israel, Deutschland und Australien sowie aus einem griechischen Industriehanfversuch, meist mit einer einzigen Sorte – oft einer CBD-Sorte – und im Gewächshaus. Ob sich die Ergebnisse auf THC-Sorten in Indoor-Räumen übertragen lassen, ist offen. Mehrere Arbeiten stammen aus denselben Gruppen. Der Arbeitsaufwand für Schnittmaßnahmen wurde nirgends gegen den Nutzen gerechnet.
Was das für den Verein bedeutet
Für eine Anbauvereinigung zählt nicht nur die Erntemenge, sondern auch eine nachvollziehbare Qualitätskontrolle: Bei jeder Weitergabe sind unter anderem Menge und durchschnittlicher THC-Gehalt zu dokumentieren (§ 26 Abs. 1 Nr. 5 KCanG), während die Qualität und Weitergabefähigkeit durch regelmäßige Stichproben zu überprüfen und sicherzustellen sind (§ 18 Abs. 2 KCanG).[7] Aus den Studien folgt praktisch:
- Obere und untere Blüten nicht ohne eigene Qualitätskontrolle zusammenfassen. Sie können sich im gemessenen Cannabinoidgehalt deutlich unterscheiden; das kann den für eine Weitergabe zu dokumentierenden durchschnittlichen THC-Gehalt beeinflussen.
- Für die eigene Qualitätskontrolle kann es sinnvoll sein, bei einer Zusammenfassung oberer und unterer Blüten Proben aus den verschiedenen Pflanzenbereichen einzubeziehen; § 18 Abs. 2 KCanG schreibt regelmäßig zu nehmende und zu untersuchende Stichproben vor, legt hier aber keine bestimmte Entnahmestelle fest.
- Schnittmaßnahmen und Pflanzendichte je Durchgang festhalten. So lässt sich über mehrere Ernten erkennen, was in der eigenen Anlage wirkt.
Häufige Fragen
Welche Effekte hatte Lollipopping in den Versuchen?
In den beschriebenen Versuchen zeigten sich eher einheitlichere gemessene Cannabinoidgehalte als ein belastbarer Mehrertrag. In Hohenheim unterschied sich der CBD-Ertrag nicht signifikant von dem ungeschnittener Pflanzen.[1][3]
Welche Effekte hatte Toppen in den Versuchen?
Die Studien sind uneinheitlich: mehr Blütenmasse in Hohenheim, kein Effekt eines Doppeltrieb-Schnitts in Tasmanien, mehr Biomasse bei Industriehanf.[3][5][6]
Warum sind die unteren Blüten in manchen Versuchen kleiner und cannabinoidärmer?
Ein geringerer Lichteinfall war in den untersuchten Versuchen ein möglicher Einflussfaktor. In einem israelischen Versuch enthielten die unteren Seitenblüten bis zu 90 Prozent weniger Cannabinoide als die Hauptblüte an der Spitze.[1][2]
Was zeigte der Versuch zur Pflanzendichte?
In Hohenheim erzielten dichtere Bestände unter den dortigen Versuchsbedingungen mehr Ertrag pro Quadratmeter und einen höheren Anteil oberer Blüten mit höherem gemessenem Cannabinoidgehalt.[4]
Quellen
- [1] · FachartikelShape Matters: Plant Architecture Affects Chemical Uniformity in Large-Size Medical Cannabis PlantsDOI 10.3390/plants10091834Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [2] · FachartikelToo Dense or Not Too Dense: Higher Planting Density Reduces Cannabinoid Uniformity but Increases Yield/Area in Drug-Type Medical CannabisDOI 10.3389/fpls.2022.713481Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [3] · FachartikelImpact of Harvest Time and Pruning Technique on Total CBD Concentration and Yield of Medicinal CannabisDOI 10.3390/plants11010140Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [4] · FachartikelThe effects of plant density and duration of vegetative growth phase on agronomic traits of medicinal cannabis (Cannabis sativa L.): A regression analysisDOI 10.1371/journal.pone.0315951Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [5] · FachartikelInvestigating how nitrogen nutrition and pruning impacts on CBD and THC concentration and plant biomass of Cannabis sativaDOI 10.1038/s41598-023-46369-5Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [6] · FachartikelMorphological, physiological, and biochemical responses of two industrial hemp (Cannabis sativa L.) cultivars to different levels of toppingDOI 10.1186/s42238-026-00410-2Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [7] · GesetzKonsumcannabisgesetz (KCanG), §§ 18, 26Abruf 31.10.2026.Gesetzestext ↗ ↑ zum Text
Die Studienergebnisse werden hier ausschließlich beschreibend wiedergegeben. Werbung und jede Form des Sponsorings für Cannabis und Anbauvereinigungen sind verboten (§ 6 KCanG).
Quellen- und Redaktionsstand: 04.11.2026. Die genannten Studien beschreiben die Bedingungen ihrer Versuche; Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf jede Anlage übertragen. Diese Seite ersetzt keine Beratung und keine Prüfung des eigenen Betriebs.
