Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der sachlichen Einordnung ausgewählter wissenschaftlicher Untersuchungen. Er enthält keine Empfehlung zum Konsum und keine Garantie für Ertrag, Wirkstoffgehalt, Schimmelfreiheit oder Weitergabefähigkeit. Maßgeblich bleiben die gesetzlichen Vorgaben, behördlichen Auflagen und die chargenbezogene Qualitätskontrolle.
Schimmelpilze gehören zu den in Studien häufig untersuchten Problemen im Cannabisanbau – und für einen Verein besonders relevant, weil Cannabis mit festgestellter mangelnder Weitergabefähigkeit nicht weitergegeben werden darf. Mehrere der hier ausgewerteten Studien stammen aus Kanada und untersuchen dortige kommerzielle oder lizenzierte Anbau- und Gewächshausbetriebe. Die wichtigsten Ergebnisse:
- In einer kanadischen Untersuchung wurde Blütenfäule überwiegend mit Grauschimmel in Verbindung gebracht. Von 178 Pilzisolaten aus befallenen Blüten waren 162 Botrytis cinerea. Unter den untersuchten Laborbedingungen wuchs er bei 15 bis 25 °C besonders gut.[1]
- Hohe Luftfeuchte kostet viel Ertrag. Bei 78 bis 98 Prozent Luftfeuchte ernteten Forschende nicht einmal ein Drittel der Blütenmasse der trockener gehaltenen Pflanzen.[5]
- Pilzsporen kommen auf vielen Wegen in den Anbauraum – über Stecklinge, Raumluft, wiederverwendete Nährlösung, Substrat und Arbeiten im Bestand.[2][3]
- Auch äußerlich unauffällige Blüten waren in der untersuchten Stichprobe nach dem Trocknen mit Hefen und Schimmelpilzen belastet. Nach dem Trocknen war keine der untersuchten Proben frei von Hefen und Schimmel.[3]
Grauschimmel: der Hauptverursacher der Blütenfäule
Bei der Blütenfäule (englisch „bud rot“) verfärbt sich das Innere der Blüte braun und wird matschig, später zeigt sich ein grauer, pelziger Belag. Ein Team der Simon Fraser University in Kanada hat 2019 und 2020 Proben aus sieben Cannabisanlagen und drei Hanffeldern untersucht. Von 178 gewonnenen Pilzisolaten waren 162 Grauschimmel (Botrytis cinerea); seltener fanden sich andere Pilze wie Sclerotinia oder Fusarium.[1]
Botrytis wuchs im Labor am besten bei 15 bis 25 °C – also genau im üblichen Temperaturbereich eines Anbauraums. Die Sporen können auch aus benachbarten Kulturen stammen, etwa Knoblauch, Kohl, Heidelbeeren oder Heu.[1] Biologische Gegenspieler hemmten den Pilz im Labor an abgeschnittenen Blüten; ob das an ganzen Pflanzen im Anbau wirkt, ist noch nicht untersucht.[1]
Echter Mehltau: der häufigste Blattpilz
Echter Mehltau kann sich als weißer, mehliger Belag auf Blättern und gegebenenfalls auch auf Blüten zeigen. In kanadischen Anlagen war er der wichtigste Krankheitserreger an Blättern.[2] In Israel wurde er 2020 erstmals sicher nachgewiesen – und fand sich binnen eines Jahres in drei großen Medizinalcannabis-Anlagen.[4]
Mehltau kann die Qualität von Blüten beeinträchtigen; zu den wirtschaftlichen Folgen für lizenzierte Betriebe lassen sich aus den hier genannten Studien jedoch keine verallgemeinerbaren Angaben ableiten. Die Forschung sucht nach Sorten, die genetisch weniger anfällig sind: Zwei Gene, die bei Befall besonders aktiv werden, gelten als Kandidaten. Praxistaugliche resistente Sorten gibt es daraus noch nicht.[6]
Wo die Pilze herkommen
Die Simon Fraser University hat auch untersucht, auf welchen Wegen Pilze in kommerzielle Anlagen gelangen. In der Untersuchung wurden Luft und Stecklinge als mögliche Eintragswege identifiziert; außerdem wurden Sporen aus wiederverwendeter, unbehandelter Nährlösung bis in die Stecklingsanzucht nachgewiesen. Auch nicht entkeimte Kokosfaser-Substrate enthielten Pilze. Maschinelles Zuschneiden der Blüten (Trimmen) erhöhte die Häufigkeit von Penicillium-Schimmel, vermutlich über kleine Verletzungen.[2]
Eine Folgestudie mit über 2.000 Proben aus einem Gewächshausbetrieb zeigte:[3]
- Wie stark Blüten belastet waren, hing stark von der Sorte ab: Sorten mit vielen Narben und Blütenblättchen waren stärker belastet.
- Arbeiten der Beschäftigten im Bestand erhöhten die Belastung.
- Im Inneren des Blütenstands war es deutlich feuchter als in der umgebenden Raumluft – im Mittel rund 75 Prozent Luftfeuchte.
- Ernten zwischen Mai und Oktober waren stärker belastet als Ernten von November bis April.
- In der untersuchten Betriebs- und Versuchssituation waren Blüten bei Luftumwälzung durch Ventilatoren während der Reife, bei der Trocknung ganzer, hängender Stängel statt einzeln abgetrennter Blüten auf Gittern sowie bei einer Restfeuchte von 12 bis 14 Prozent oder weniger geringer belastet. Unter diesen Bedingungen lagen die meisten getrockneten Proben unter 1.000 bis 5.000 KbE/g.
Luftfeuchte: der größte Hebel
Ein Versuch der Colorado State University-Pueblo hat den Einfluss der Luftfeuchte direkt gemessen. Eine CBD-Sorte wuchs bei 37 bis 58 Prozent oder bei 78 bis 98 Prozent Luftfeuchte. Bei hoher Feuchte setzte die Blüte erst in Woche 13 ein, es bildeten sich bis zu 26 Prozent weniger Blütenstände, und am Ende lag die Blütentrockenmasse bei rund 10 statt 34 Gramm pro Pflanze. Auch der Cannabinoidgehalt war deutlich niedriger. Gewebeschäden durch Wassertropfen an den Blättern breiteten sich bei hoher Feuchte stärker aus.[5]
Schimmel selbst wurde in diesem Versuch nicht gemessen. Zusammen mit den kanadischen Befunden legt der Versuch nahe, dass die Luftfeuchte im Blütenstand für Pflanzenentwicklung und Pilzbelastung relevant sein kann; ein direkter Nachweis einer erhöhten Schimmelbelastung wurde in diesem Versuch jedoch nicht geführt.
Was eine Laborzahl aussagt
Labore geben die Belastung meist als „koloniebildende Einheiten pro Gramm“ (KbE/g) an – die Zahl der Pilzkolonien, die aus einer Probe auf einem Nährboden wachsen. Am häufigsten fanden sich in der kanadischen Studie die Pilzgattungen Penicillium, Aspergillus, Cladosporium und Fusarium.[3] Die Zählung unterscheidet aber nicht zwischen harmlosen und problematischen Arten. In den in der Studie ausgewerteten nordamerikanischen Vorgaben lagen die genannten Bewertungs- oder Grenzwerte je nach Behörde zwischen 1.000 und 100.000 KbE/g; dieselbe Probe kann daher je nach angewendetem Maßstab unterschiedlich bewertet werden.[3]
Was die Studien nicht zeigen
Ein großer Teil der Daten stammt aus kanadischen Anlagen und von einer einzigen Forschungsgruppe; die Luftfeuchtestudie untersuchte nur eine CBD-Sorte mit zehn Pflanzen je Gruppe. Wirksame Bekämpfungsmittel für den Anbau sind kaum untersucht. Wie gefährlich eine bestimmte Keimzahl für Konsumierende ist, beantworten die Studien nicht; aus den genannten KbE/g-Werten lässt sich daher keine allgemeine gesundheitliche Sicherheits- oder Unbedenklichkeitsaussage ableiten.
Was das für den Verein bedeutet
Blüten mit festgestelltem Pilzbefall dürfen nicht ohne Prüfung ihrer Weitergabefähigkeit weitergegeben werden. Anbauvereinigungen müssen Risiken für die menschliche Gesundheit vermeiden, die über die typischen Gefahren des Konsums hinausgehen (§ 18 Abs. 1 Satz 2 KCanG). Ob befallenes Cannabis nach § 18 Abs. 4 KCanG nicht weitergabefähig ist und deshalb nach § 18 Abs. 3 KCanG unverzüglich vernichtet werden muss, richtet sich nach den dort genannten gesetzlichen Tatbeständen; dazu kann insbesondere ein Überschreiten von Höchstgehalten gehören, die durch eine Rechtsverordnung nach § 17 Abs. 4 KCanG festgelegt werden. Wird Cannabis vernichtet, ist die Menge in Gramm aufzuzeichnen (§ 26 Abs. 1 Nr. 4 KCanG). Wissen die Verantwortlichen oder vermuten sie aufgrund der vorliegenden Informationen oder ihrer Erfahrung, dass bereits weitergegebenes Cannabis ein über die typischen Gefahren des Konsums hinausgehendes Risiko für die menschliche Gesundheit darstellt, gelten die Pflichten nach § 26 Abs. 4 KCanG.[7] Aus den Studien folgt praktisch:
- Luftfeuchte und Temperatur im Anbauraum regelmäßig festhalten. So lässt sich ein Befall später einer Ursache zuordnen.
- Befunde mit Datum, Ort und Foto dokumentieren und die betroffene Menge vom übrigen Bestand trennen.
- Eintragswege im Blick behalten: neue Stecklinge, Substrat, wiederverwendetes Gießwasser, Arbeiten im Bestand.
Häufige Fragen
Wie erkenne ich Blütenfäule?
Typisch sind braune, weiche Stellen im Inneren der Blüte, später ein grauer, pelziger Belag. In der genannten kanadischen Untersuchung entfielen 162 von 178 Pilzisolaten auf Grauschimmel (Botrytis cinerea).[1]
Was ist der Unterschied zwischen Mehltau und Schimmel?
Echter Mehltau bildet einen weißen, mehligen Belag auf der Oberfläche von Blättern und Blüten. Blütenfäule durch Grauschimmel zersetzt die Blüte von innen.[1][2]
Was zeigte der Versuch zur Luftfeuchte?
Im Versuch der Colorado State University waren Pflanzen bei einer Luftfeuchte von 78 bis 98 Prozent gegenüber der Vergleichsgruppe deutlich schwächer entwickelt. In einem kanadischen Gewächshaus lag die Feuchte im Blütenstand im Mittel bei rund 75 Prozent – deutlich höher als in der Raumluft.[3][5]
Waren die untersuchten getrockneten Blüten schimmelfrei?
In der genannten Untersuchung nicht: Auch nach dem Trocknen waren in allen untersuchten Proben Hefen und Schimmelpilze nachweisbar – in unterschiedlicher Menge; daraus folgt jedoch keine Aussage über die gesundheitliche Relevanz jeder einzelnen Belastung.[3]
Quellen
- [1] · FachartikelThe bud rot pathogens infecting cannabis (Cannabis sativa L., marijuana) inflorescences: symptomology, species identification, pathogenicity and biological controlDOI 10.1080/07060661.2021.1936650Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [2] · FachartikelPathogens and Molds Affecting Production and Quality of Cannabis sativa L.DOI 10.3389/fpls.2019.01120Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [3] · FachartikelTotal yeast and mold levels in high THC-containing cannabis (Cannabis sativa L.) inflorescences are influenced by genotype, environment, and pre-and post-harvest handling practicesDOI 10.3389/fmicb.2023.1192035Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [4] · FachartikelFirst report of Golovinomyces cichoracearum sensu lato on Cannabis sativa in Israel ↑ zum Text
- [5] · FachartikelElevated relative humidity significantly decreases cannabinoid concentrations while delaying flowering development in Cannabis sativa L.DOI 10.3389/fpls.2025.1678142Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [6] · FachartikelGenome-Wide Characterization of the MLO Gene Family in Cannabis sativa Reveals Two Genes as Strong Candidates for Powdery Mildew SusceptibilityDOI 10.3389/fpls.2021.729261Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [7] · GesetzKonsumcannabisgesetz (KCanG), §§ 18, 26Abruf 31.10.2026.Gesetzestext ↗ ↑ zum Text
Die Studienergebnisse werden hier ausschließlich beschreibend wiedergegeben. Werbung und jede Form des Sponsorings für Cannabis und Anbauvereinigungen sind verboten (§ 6 KCanG).
Quellen- und Redaktionsstand: 04.11.2026. Die genannten Studien beschreiben die Bedingungen ihrer Versuche; Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf jede Anlage übertragen. Diese Seite ersetzt keine Beratung und keine Prüfung des eigenen Betriebs.


