Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der sachlichen Einordnung ausgewählter wissenschaftlicher Untersuchungen. Er enthält keine Empfehlung zum Konsum und keine Garantie für Ertrag, Wirkstoffgehalt, Schimmelfreiheit oder Weitergabefähigkeit. Maßgeblich bleiben die gesetzlichen Vorgaben, behördlichen Auflagen und die chargenbezogene Qualitätskontrolle.
Wurzelfäule fällt oft erst auf, wenn die Pflanze oberirdisch bereits welkt. In Studien an erkrankten Cannabispflanzen wurden vor allem Pilze der Gattung Fusarium und sogenannte Eipilze der Gattung Pythium nachgewiesen. Die Erreger fanden sich in Substrat, Wasser, Wurzeln und Wurzelhals, und sie können über Mutterpflanzen und Stecklinge weitergegeben werden, ohne dass die Ausgangspflanze krank wirkt. Fast alle belastbaren Daten stammen aus einer kanadischen Arbeitsgruppe, die lizenzierte Gewächshausbetriebe untersucht hat:
- Fünf Pythium-Arten an einer Kulturpflanze. In 140 erkrankten Pflanzen aus sieben Betrieben fanden die Forschenden bis zu fünf verschiedene Pythium-Arten, am häufigsten P. myriotylum und P. dissotocum.[2]
- Mutterpflanzen als Ausgangspunkt. Bei erkrankten Mutterpflanzen steckte Fusarium oxysporum in 70 bis 100 Prozent der Gewebeproben am Wurzelhals. Auch Stecklinge von äußerlich gesunden Mutterpflanzen trugen den Erreger, wenn auch selten.[1]
- Der Erreger reichert sich im Substrat an. In Kokossubstrat stieg die Dichte von F. oxysporum von unter 10 auf über 1.000 koloniebildende Einheiten pro Kubikzentimeter, von der vegetativen Phase bis zur Blüte.[1]
- Biologische Mittel wirkten nur teilweise. Gegen F. oxysporum an Stecklingen senkten vier von fünf getesteten Präparaten den Befall um 30 bis 56,3 Prozent; gegen Pythium waren die Ergebnisse uneinheitlich.[5]
Woran man Wurzelfäule erkennt
Die ersten Anzeichen zeigen sich über der Erde. Bei Pythium welkten die Pflanzen früh, die unteren Blätter vergilbten, das obere Laub wurde dunkler. Am Wurzelhals bildeten sich Läsionen, die bis zu zehn Zentimeter den Stängel hinaufreichten. Die Wurzeln wurden braun und zerfielen, die Pflanzen kümmerten und starben teils ab.[2]
Fusarium oxysporum zeigte an Mutterpflanzen ein ähnliches Bild: Vergilbung, Blattfall, absterbende Triebe und eine Fäule am Wurzelhals, oft mit weißem Pilzgeflecht. Im Inneren des Stängels war das Mark braun und mehlig zersetzt. Stecklinge vergilbten von unten und fielen um. In der Blüte zeigten befallene Pflanzen Kümmerwuchs, braune Wurzeln und welkten bei Hitze.[1] Wer nur auf die Blätter schaut, kann Wurzelfäule mit Nährstoffmangel oder Überdüngung verwechseln. Ein Blick auf Wurzeln und Wurzelhals klärt das schneller.
Mutterpflanzen und Stecklinge tragen den Erreger weiter
Die wichtigste Studie zu F. oxysporum untersuchte fünf Gewächshausbetriebe in Kanada. Erkrankt waren dort nur etwa 5 bis 10 Prozent der Mutterpflanzen. In diesen Pflanzen breitete sich der Pilz aber im Inneren des Stängels aus: In Gewebeproben am Wurzelhals fand er sich zu 70 bis 100 Prozent, in Proben 150 bis 200 Zentimeter über dem Wurzelhals noch zu 30 bis 35 Prozent.[1]
Auch Mutterpflanzen ohne sichtbare Symptome gaben den Pilz weiter. Stecklinge, die nah am Boden geschnitten wurden, trugen ihn in 2 bis 6 Prozent der Fälle, Stecklinge aus 90 bis 150 Zentimetern Höhe in 1 bis 2 Prozent. Der Autor wertet das als Hinweis, dass der Erreger über Mutterpflanzen und Stecklinge im Bestand weitergegeben wurde, also klonal von einer Pflanzengeneration in die nächste. Er empfiehlt, Mutterpflanzen weniger als sechs Monate zu halten.[1] Eine spätere Übersichtsarbeit derselben Arbeitsgruppe nennt drei bis vier Monate und rät, befallene Pflanzen umgehend zu entfernen.[6] Ob kürzere Haltezeiten den Befall im Alltag tatsächlich senken, wurde nicht in einem Vergleich untersucht.
Zusätzlich fand sich der Pilz in der Luft des Vermehrungsraums und im Ablaufwasser.[1] Über dieselben Wege, gemeinsame Tische, Anstaubewässerung und Ablaufwasser, verbreitet sich auch das Hop-Latent-Viroid bei Stecklingen.
Wasser, Substrat und Wunden
Pythium bildet bewegliche Sporen, die mit Wasser schwimmen. Die Autoren nennen infiziertes Pflanzmaterial, rezirkulierte Nährlösung und befallenes Substrat als mögliche Eintragswege; auch Werkzeuge, Geräte, Personal sowie Trauermücken und Uferfliegen kommen nach ihrer Einschätzung als Überträger in Betracht. Nachgewiesen wurden diese Wege in der Studie nicht einzeln. Verletzte Wurzeln und lange Phasen mit Staunässe verstärkten die Krankheit; Zahlen dazu nennt die Studie nicht.[2] P. myriotylum und P. aphanidermatum bevorzugen nach Literaturangaben Temperaturen von 25 bis 36 °C, also warme Wurzelzonen.[2]
Wie verbreitet die Erreger im Substrat sein können, zeigte eine Studie aus Connecticut. Aus Kokos- und Steinwollproben eines einzigen Betriebs isolierten die Forschenden 25 Erreger, darunter 21-mal P. myriotylum. Getestet an Hanf-Sämlingen waren alle krankheitserregend: Je nach Isolat erkrankten 6,7 bis 100 Prozent der Pflanzen, die Sprossmasse lag mindestens 32 Prozent, die Wurzelmasse mindestens 48 Prozent unter der unbehandelten Kontrolle.[4] Die Zahlen beschreiben, wie aggressiv die Erreger im Versuch waren, nicht den Befall im Betrieb.
Eine weitere Untersuchung fand an erkrankten Pflanzen aus sechs Betrieben vor allem Fusarium solani; 28 der 34 genauer bestimmten Isolate gehörten zu dieser Art. Erstmals weltweit wurde an Cannabis auch F. lichenicola nachgewiesen. Die Autoren vermuten, dass er mit importiertem Kokos kam; zurückverfolgt wurde das nicht, und sein Anteil an allen Fusarium-Funden lag bei 1,3 Prozent.[3] Ob ein bestimmtes Kokossubstrat belastet ist, lässt sich aus diesen Einzelbefunden nicht ableiten.
Was hilft und was offen ist
Die meisten Empfehlungen in den Studien beruhen auf Beobachtung, nicht auf Vergleichsversuchen. Als fachliche Vorsichtsmaßnahmen genannt werden: Mutterpflanzen regelmäßig erneuern und auf inneren Befall prüfen, Wurzeln beim Umsetzen nicht verletzen, Staunässe vermeiden, rezirkuliertes Wasser auf Erreger untersuchen und befallene Pflanzen früh entfernen.[1][2][6]
Biologische Mittel wurden in einer kanadischen Studie an Stecklingen und bewurzelten Pflanzen getestet. In diesem Versuch senkten Präparate auf Basis von Trichoderma, Gliocladium catenulatum und Bacillus amyloliquefaciens den Befall durch F. oxysporum an Stecklingen in Steinwolle um 30 bis 56,3 Prozent; ein Bacillus-subtilis-Präparat wirkte nicht signifikant. Gegen P. myriotylum an bewurzelten Pflanzen unterschieden sich die Ergebnisse zwischen zwei Versuchen deutlich.[5] Die Autoren halten Versuche in größerem Maßstab und über längere Zeit für nötig. Ob solche Präparate in Deutschland für diesen Zweck verwendet werden dürfen, ist eine eigene Rechtsfrage und hier nicht geprüft.
Desinfektionsmittel wirkten im Labor gegen Pythium besser als gegen Fusarium.[6] Eine begutachtete Studie, die UV, Ozon, Chlor oder Peroxid in der Nährlösung gegen diese Erreger an Cannabis prüft, lag für diesen Beitrag nicht vor.
Was die Studien nicht zeigen
Fast alle Daten stammen von einer Arbeitsgruppe aus Kanada und aus Gewächshäusern mit Kokos oder Steinwolle, nicht aus reinen Indoor-Anlagen. Daten aus Deutschland oder Europa fehlen. Wie viel Ertrag oder Qualität Wurzelfäule kostet, wurde nicht beziffert.[1] Die Pathogenitätstests liefen unter kontrollierten Bedingungen, teils an Hanf statt an Drogentyp-Pflanzen. Ob Hygienemaßnahmen im Vereinsalltag den Befall senken, hat keine Studie verglichen.
Was das für den Verein bedeutet
Anbauvereinigungen müssen beim gemeinschaftlichen Eigenanbau die Grundsätze der guten fachlichen Praxis einhalten (§ 17 Abs. 3 KCanG). Konkrete Einzelmaßnahmen gegen Wurzelfäule nennt das Gesetz nicht; weitere Anforderungen können sich aus einer Verordnung nach § 17 Abs. 4 KCanG ergeben. Eine Vernichtungspflicht folgt aus einem Befall nicht automatisch: § 18 Abs. 3 KCanG verlangt die unverzügliche Vernichtung, wenn Cannabis oder Vermehrungsmaterial nach den gesetzlichen Voraussetzungen nicht weitergabefähig ist. Die Mengen des vernichteten Cannabis in Gramm und die Stückzahl des vernichteten Vermehrungsmaterials sind fortlaufend zu dokumentieren (§ 26 Abs. 1 Nr. 4 KCanG). Besteht bei bereits weitergegebenem Material ein Risiko für die menschliche Gesundheit, gelten zusätzlich die Pflichten nach § 26 Abs. 4 KCanG.[7] Aus den Studien lassen sich folgende Vorsichtsmaßnahmen ableiten; ihre Wirksamkeit im Vereinsalltag ist nicht vergleichend untersucht:
- Mutterpflanzen regelmäßig überprüfen und erneuern. Die Studien nennen Haltezeiten von drei bis sechs Monaten.
- Neue Pflanzen und Substrat zunächst getrennt halten. Wurzeln und Wurzelhals neuer Stecklinge kontrollieren, bevor sie in den Bestand kommen.
- Wasser als Risikofaktor berücksichtigen. Staunässe sowie gemeinsame oder rezirkulierte Wassersysteme gelten als mögliche Eintragswege; quantifiziert haben die Studien das nicht.
- Befall dokumentieren. Welche Pflanze, welcher Bereich, welche Maßnahme: So lässt sich nachvollziehen, ob ein Befall von einer bestimmten Mutterpflanze ausgeht.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich Wurzelfäule an Cannabis?
An Welke, Vergilbung der unteren Blätter und Kümmerwuchs, bei genauerem Hinsehen an braunen, zerfallenden Wurzeln und Läsionen am Wurzelhals.[1][2]
Können Stecklinge Wurzelfäule übertragen?
Ja. F. oxysporum fand sich auch in Stecklingen von Mutterpflanzen ohne sichtbare Symptome, bodennah häufiger als weiter oben.[1]
Schließt Kokossubstrat Wurzelfäule aus?
Nein. In mehreren Studien wurden in Kokossubstrat selbst Erreger nachgewiesen, und die Erregerdichte stieg im Laufe des Anbaus.[1][4] Eine Aussage über jedes Kokossubstrat folgt daraus nicht.
Sollten befallene Pflanzen entfernt werden?
Die Studien empfehlen aus fachlicher Sicht, befallene Pflanzen früh zu entfernen.[6] Eine gesetzliche Vernichtungspflicht folgt daraus allein nicht; sie besteht nach § 18 Abs. 3 KCanG für nicht weitergabefähiges Cannabis oder Vermehrungsmaterial. Wird Vermehrungsmaterial vernichtet, ist die Stückzahl zu dokumentieren (§ 26 Abs. 1 Nr. 4 KCanG).[7]
Quellen
- [1] · FachartikelEpidemiology of Fusarium oxysporum causing root and crown rot of cannabis (Cannabis sativa L., marijuana) plants in commercial greenhouse productionDOI 10.1080/07060661.2020.1788165Fundstelle: Abstract; Ergebnisse, Abb. 3; DiskussionOriginal beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [2] · FachartikelSeveral Pythium species cause crown and root rot on cannabis (Cannabis sativa L., marijuana) plants grown under commercial greenhouse conditionsDOI 10.1080/07060661.2021.1954695Fundstelle: Abstract; Ergebnisse; DiskussionOriginal beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [3] · FachartikelThe Fusarium solani species complex infecting cannabis (Cannabis sativa L., marijuana) plants and a first report of Fusarium (Cylindrocarpon) lichenicola causing root and crown rotDOI 10.1080/07060661.2020.1866672Fundstelle: Abstract; Ergebnisse; DiskussionOriginal beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [4] · FachartikelPathogenicity and Mefenoxam Sensitivity of Pythium, Globisporangium, and Fusarium Isolates From Coconut Coir and Rockwool in Marijuana (Cannabis sativa L.) ProductionDOI 10.3389/fagro.2021.706138Fundstelle: Abstract; Ergebnisse, Abb. 4Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [5] · FachartikelBiological control of Fusarium oxysporum causing damping-off and Pythium myriotylum causing root and crown rot on cannabis (Cannabis sativa L.) plantsDOI 10.1080/07060661.2023.2172082Fundstelle: Abstract; Ergebnisse; DiskussionOriginal beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [6] · FachartikelIntegrated Management of Pathogens and Microbes in Cannabis sativa L. (Cannabis) under Greenhouse ConditionsDOI 10.3390/plants13060786Fundstelle: Abschnitt 2.1Original beim Verlag ↗ ↑ zum Text
- [7] · GesetzKonsumcannabisgesetz (KCanG), §§ 17, 18, 26Abruf 03.11.2026.Gesetzestext ↗ ↑ zum Text
Die Studienergebnisse werden hier ausschließlich beschreibend wiedergegeben. Werbung und jede Form des Sponsorings für Cannabis und Anbauvereinigungen sind verboten (§ 6 KCanG).
Quellen- und Redaktionsstand: 04.11.2026. Die genannten Studien beschreiben die Bedingungen ihrer Versuche; Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf jede Anlage übertragen. Diese Seite ersetzt keine Beratung und keine Prüfung des eigenen Betriebs.
